Statement – German
Begründung Ingrid Simons
Landschaften mit Wege und Pfade, die irgendwo hinführen, aber wohin, bleibt dank die Unter- und Überbelichtung am Ende des Pfades, unbekannt.
Schicht um Schicht trägt Simons die stetig voluminöser werdende Farbe auf, bis einzelne, unverdünnte Farbpartien zu eigenstandigen Farbkörpern werden. Durch dieses Verfahren löst sich Simons mehr und mehr von der natürlichen respektive der fotografischen Vorlage und vollzieht somit eine intuitive Abstraktion.
Mit eine beschränkte Palette, manchmal nur bis schwarz und weiß, versucht Simons eine malerische Illusion einer Landschaft zu schaffen. “Ich suche nach eine Atmosphäre der ‘Unheimlichkeit’, Stille und Verfall. Gefrorene Szenen, ohne rückführbare Indikationen der Zeit, faszinieren mich”.
2010
Asja Kaspers
Galerie Epikur, Wuppertal
“Abstrahierende Figuration” -so benennt Ingrid Simons selbst ihre Malerei. Doch in der Bildbetrachtung aus der Distanz sieht man zunächts Reminiszenzen an klassische Genre :
Landschaften – Stilleben – Interieurs. Menschliche Figuren übernehmen keine Hauptrolle, sondern werden gleichberechtigt eingebettet. Augenfällig ist hingegen Simons Einsatz von Farbe und Farbigkeit durch die eine eigensinnige Farbstimmung erzeugt wird : Gleissende Gelb- und Weißtöne beherrschen eine Landschaft, ein tiefes Grün vermittelt das Gefühl von der Erhabenheit der Natur, ein changierendes Rosa dominiert ein verlassen wirkendes Interieur oder ein Landschafts-oder Raumeindruck wird durch den starken Kontrast von Schwarz und Weiß intensiviert.
Gleich, ob Simons einen ebenmäßig zurückhaltenden Farbauftrag wählt oder durch virtuosen Duktus reliefartige Strukturen erzielt : die Farbe ist immer vorrangiger Bedeutungsträger.
Dies führt zurück zur “abstrahierenden Figuration”. Zwar ist bei allen Gemälden die Nähe zur sichtbaren Welt und ihre Funktion als Basis für die Malerei. Ingrid Simons deutlich nachzuvollziehen, doch wird gerade bei näherem Heranschreiten und intensiver Betrachtung die Autonomie der Farbe evident.
Schicht um Schicht trägt Simons die stetig voluminöser werdende Farbe auf, bis einzelne, unverdünnte Farbpartien zu eigenständigen Farbkörpern werden. Durch dieses Verfahren löst sich Simons mehr und mehr von der natürlichen respektive der fotografischen Vorlage und vollzieht somit eine intuitive Abstraktion.
Simons hält Szenen ihres persönlichen Alltags mithilfe der Fotografie fest. Hierin spielen sie selbst, enge Freunde, ihre unmittelbare Umgebung sowie insbesondere Eindrücke und Erlebnisse eine Rolle, die sie auf Reisen eingefangen hat.
Doch die Fotos können die erlebte Realität nur fragmentarisch wiedergeben, obwohl sie eine -wenn auch ausschnitthafte- Abbildung einer sichtbaren Welt sind. Während Ingrid Simons ihre Gemälde plant, ihre Essenz in Skizzen und Vorstudien austariert bevor sie letztlich die Bildidee in die Malerei transferiert, wird ein den Fotografien abwesender Faktor maßgeblich : das Gefühl und die Empfindung, die von der Künstlerin in der abgebildeten Situation erlebt und aus der zeitlichen Distanz erinnert wurde.
Ausdruck findet diese absolute Subjektivität in der Abstraktion. Diese bedeutet in der Malerei Simons nicht nur Vereinfachung im Sinne von Reduktion gegenständlicher Merkmale, sondern insbesondere auch Veränderung, Umkehrung, Fokussierung und Irritation.
Die Arbeit “Jardin II”(2005) etwa zeigt einen Platz oder ein Waldlichtung, auf der zwei leere, ungeordnet erscheinende Stühle darauf verweisen, dass dort erst kürzlich jemand gesessen haben könnte. Aufgrund des bildbeherrschenden Gelb vermutet man zunächts einen hellen,sonnigen Tag. Bei näheren Betrachtung wird man jedoch gewahr, dass sich in gräulich-schimmernden Flächen die umstehenden Bäume spiegeln. Der Waldboden scheint also vielmehr durchnässt und von großen Regenpfützen überzogen zu sein. Die vorrangige Farbinformation wird somit als absichtliche Irritation entlarvt – nur manchmal blitzen naturalistische Anleihen wie etwa das satte Grün der Bäume durch.
Die Inversion der Farben führt die Methode der Künstlerin vor : Sie kehrt ihr Inneres nach Außen und verdeckt gleichsam äusserlich Sichtbares. Die Abstraktion der Figuration fungiert in der Malerei Ingrid Simons zwar als Verzerrung des objektiven Abbildes, dennoch konkretisiert sie eine subjektive Realität :
Denn keine Fotografie vermag es, von der erlebten Empfindung zu berichten.
Asja Kaspers, M.A.
Galerie Epikur, Wuppertal
2006
Texte der Katalog der Ausstellung Realität und Sichtbarkeit ; Sieben Positionen Junge Kunst aus Estland, Niederlande, Polen, Schweiz und Deutschland
